Experteninterview im Rahmen der Erzieherausbildung

Julia machte ihre Ausbildung zur Erzieherin. Im Rahmen der Erzieherausbildung „OptiPrax“ sollte sie ein Experteninterview führen. Sie suchte nach geeigneten Einrichtungen und findet eine mit einem Schwimmbad. Da sie selbst gerne schwimmt und bereits junge Menschen im Wasser trainiert fragt sie bei der Aqua Kita nach und wir vereinbaren einen Termin.

Das Interview ist großartig vorbereitet. Wir tauschen viele Informationen aus und haben einiges zu lachen. Nachhaltig hat Julia uns beeindruckt und so fragte ich, ob wir das Interview nicht im Rahmen unseres Blogs veröffentlichen können. Es wäre eine Möglichkeit viele Fragen von interessierten Familien kompakt zu beantworten und vielleicht auch Orientierung bei der Berufswahl zu bieten. Trotz Prüfungsstress bereitete Julia nicht nur das Referat für die GGSD vor, sondern schrieb auch noch den Beitrag.

Ihren Beitrag „Was macht eigentlich eine Aqua-Kita“ für die Schule findet ihr auf der Seite der GGSD.

Nun folgt Julias Beitrag:

Ich werde Erzieherin – Mein Weg zum Experteninterview
Hallo liebe Leserinnen und Leser, ich möchte mich kurz vorstellen.
Mein Name ist Julia, ich bin 22 Jahre alt. Meinen Krippeneltern hier in der Aqua – Kita bin ich mittlerweile als Erzieherin bekannt. Vor noch nicht allzu langer Zeit, besuchte ich die Fachakademie in Nürnberg Langwasser. Ich absolviere dort die Ausbildung zur Erzieherin. Dadurch, dass ich mein Abitur im Jahr 2018 bestand, hatte ich die Möglichkeit meine Erzieherausbildung im Rahmen des OptiPrax – Modellversuchs, im September 2018 zu starten und somit war ich meinem Traum, Erzieherin zu werden, ein Stück näher.

Vielleicht fragt ihr euch nun, was OptiPrax überhaupt bedeutet und warum ich mit einem Abitur eine Erzieherausbildung startete und wieso dieser Beitrag hier auf der Aqua – Kita Seite steht. Wenn ihr Lust habt, mehr über mich, meine Ausbildung, meine Schule und über das Interview, das ich mit Susanne Fischer und der Einrichtungsleitung geführt habe, zu erfahren, dann klickt euch doch einfach mal durch! Ich würde mich freuen!

Was könnt ihr euch unter dem Begriff „OptiPrax“ vorstellen?

Wie ihr vielleicht wisst, fehlen uns sehr viele Erzieher in ganz Bayern und auch in den anderen Bundesländern sieht es teilweise nicht besser aus. Deshalb startete Bayern mit dem Schuljahr 2016/2017 den Modellversuch OptiPrax. Dies bedeutet nichts anderes als eine Erzieherausbildung mit optimierten Praxisphasen. Das Kultusministerium versuchte damit eine neue Möglichkeit zu erschaffen, den Beruf des Erziehers durch mehrere Komponenten attraktiver zu gestalten, um damit auch andere Bewerbergruppen zum Beispiel Männern, Fach- / Abiturienten oder Quereinsteiger für die Ausbildung zu gewinnen. Der Unterschied zur bisherigen Ausbildung ist zum einen, dass die Dauer der Ausbildungszeit verkürzt wird und zum anderen, dass die Auszubildenden, während der ganzen Zeit, Ausbildungsgehalt erhalten. Das Besondere ist weiterhin, dass man sich vor dem Start einen Träger suchen muss, der die Beschäftigung und Bezahlung über die komplette Ausbildungszeit übernimmt. Auch soll im Rahmen von OptiPrax, die Praxis in die theoretische Ausbildung integriert werden, was heißt, dass sehr viel Wert auf die Praxisphasen in den Einrichtungen gelegt wird. Die Dauer der Ausbildung hängt nun davon ab, welcher Schulabschluss vorhanden ist, oder was man davor gearbeitet hat. Diese Ausbildungsvariante OptiPrax soll die bestehende Ausbildungsart nicht ersetzen, sondern neben der bestehenden integriert sein und andere Bewerbergruppen ansprechen.

Wieso habe ich mich trotz eines Abiturs für die Erzieherausbildung entschieden?

Im Kindergarten sagte ich vor circa 16 Jahren zu meiner damaligen Erzieherin: „Wenn ich groß bin, möchte ich so sein wie Du!“ Meine Mama erzählt mir oft, dass ich sie damals sehr bewundert habe, mich großartig um meine jüngere Schwester kümmerte und gerne mit den jüngeren Kindern aus meiner Nachbarschaft spielte. Als ich älter wurde, trat ich meinem Schwimmverein bei, indem ich mittlerweile nicht nur Jugendtrainerin, sondern auch Ju-gendleiterin der Ortsgruppe bin. Ich absolvierte meine Praktika am Gymnasium in meinem altem Kindergarten. In der zehnten Klasse merkte ich: Ich will unbedingt Erzieherin werden!
Bei Äußerung meines Berufswunsches bekam ich oft zu hören: „Warum Erzieherin? Du wirst ein Abitur machen, da kannst du so viel anderes erreichen!“ oder „Bist du dir wirklich sicher? Dann müsstest du doch das Abitur gar nicht machen und hättest dich nicht durch das Gymnasium quälen müssen!“ Diese Aussagen trafen mich damals sehr. Denn ich hatte keinen größeren Wunsch, als nach meinem Abitur als Erzieherin mit Kindern zu arbeiten.
Doch vor mir lag damals noch die Oberstufe des Gymnasiums. Für mich war klar, dass ich das Abitur auf jeden Fall beenden würde. In der 11. Klasse (2016/ 2017) sollten wir im Rahmen des Projektseminares unseren Berufswunsch vorstellen. Natürlich griff ich zum Berufsfeld Erzieher. Bei meinen Recherchen stieß ich wohl auf die Ablösung des Gedanken: „Würde ich wohl mein Abitur verschwenden, wenn ich Erzieherin werde?“ Ich fand heraus, dass der Modellversuch OptiPrax im September 2016 startete und, dass Bewerber mit Abitur die Erzieherausbildung in drei Jahren und mit Ausbildungsgehalt absolvieren können. Von da an war klar: Ich werde Erzieherin!
Denn was gibt es Schöneres seinen Traumberuf erlernen zu dürfen und Anerkennung für sein Abitur zu bekommen? – Für mich nichts! Bei mir hat das Kultusministerium in Bayern das erreicht, was es wollte: Andere Bewerbergruppen ansprechen.

Wahl der Schule und meine Ausbildungszeit

Noch während der Vorbereitung meiner Präsentation in der 11. Klasse, erkundigte ich mich nach Schulen, die die OptiPrax Variante 2 (für Schüler mit Fachabitur oder Abitur), anbieten würden. Dabei stieß ich auf die Fachakademie in der Zollhausstraße, die ich ab September 2018, in meinem dritten und letzten Ausbildungsjahr, besuchte. Beworben hatte ich mich recht spät, im Dezember 2017. Jedoch konnte ich in einem Bewerbungsgespräch mit unserer stellvertretenden Schulleiterin von mir überzeugen. Anschließend musste ich mich um einen Träger kümmern, der mich für drei Jahre aufnahm. Hier fand ich einen, bei dem ich die Möglichkeit hatte in den Bereichen Krippe, Kindergarten und Hort einen Einblick zu bekommen. Ich verbrachte dort drei sehr schöne und lehrende Ausbildungsjahre! Nachdem ich die Zusage des Trägers hatte, bekam ich den Schulplatz zugeschrieben und musste „nur“ noch mein Abitur schaffen. Mit Erhalt des Abiturs im Juni 2018 war es sicher: Ich wer-de Erzieherin!
Im September 2018 startete die Ausbildung. Nun stand ich nach drei Jahren kurz vor den Abschlussprüfungen und eines kann ich euch sagen: Auch wenn die dreijährige Ausbildung, dadurch dass sie verkürzt ist, nicht immer ganz einfach ist und ich immer schauen musste Schule, Arbeit und das Privatleben unter einen Hut zu bekommen, habe ich es in diesen drei Jahren kein einziges Mal bereut, diesen Weg, an dieser Schule, bei meinem Träger, gewählt zu haben.
An der Fachakademie wurde ich immer unterstützt und die Lehrer und auch die Schulleitung sind immer für einen da, wenn man sie braucht. In den Fächern wird meist möglichst praxisorientiert gearbeitet. Hierdurch haben wir in den letzten Jahren viel gelernt. Nun stehe ich, wie viele andere, gerade vor einem großen und bedeutendem Wendepunkt in meinem Leben. Ende August 2021 ist es soweit: Ich bin ausgelernte Erzieherin!

Das Experteninterview

Im Rahmen unseres Faches an der Fachakademie, Praxis- und Methodenlehre mit Ge-sprächsführung (PMG), stellten uns unsere zwei Lehrkräfte die Aufgabe:
„Für den praktischen Leistungsnachweis im Fach PMG ist es Ihre Aufgabe ein Interview mit einem/einer Expertin zu planen, vorzubereiten, durchzuführen und zu dokumentieren. Ziel des Interviews ist es, ein Arbeitsfeld für Erzieher*innen vorzustellen, das Sie bisher während Ihrer Ausbildung noch nicht praktisch kennengelernt haben, (…). Dafür befragen Sie einen/eine Expert*in.“
Als ich diesen Auftrag bekam, kreisten mir viele Fragen durch den Kopf: „Hilfe! Wie führt man denn ein Interview?“, „Welche Einrichtung nehme ich denn?“, „Wie geht das alles?“.
Doch ein paar Tage später hatte ich eine Idee.
In der letzten Zeit beschäftigte mich die Frage, wie es ab September weitergehen soll sehr und somit suchte ich nach Einrichtungen, die mich interessieren und dabei stieß ich auf die Aqua – Kita in Mögeldorf. Der ausschlaggebende Punkt, dass ich mir die Einrichtung einmal genauer anschaute, war der Name „Aqua – Kita“ und das Bild von einem Schwimmbad im Keller der Einrichtung. Dies freute mich sehr, da ich selbst Kindertrainerin bin und liebend gerne schwimme.
Mir schoss es durch den Kopf: „Cool! Vielleicht hat jemand aus der Aqua Kita Zeit und Lust mit mir ein Interview zu führen!“
Ich informierte mich also als erstes über die Internetseite, anschließend kontaktierte ich die Einrichtung, las die sich im Internet befindliche Konzeption durch, erstellte daraufhin mit den fehlenden, für mich wichtigen Fragen, den Interviewbogen und führte das Interview dann tatsächlich auch persönlich am 04.02.2021 und gleich mit der Einrichtungsleitung und der Geschäftsführung durch.
Ich entwarf und plante das Interview als strukturiertes Interview. Da wir uns auf Anhieb sehr gut verstanden und sofort ein Gespräch hatten, ließ ich mich „treiben“, hörte gespannt zu und stellte immer wieder ein paar geplante Fragen. Hauptsächlich fragte ich aber das, was sich aus dem Gespräch ergab und was mich interessierte. Somit wurde mein strukturiertes Interview zu einem semistrukturierten Interview. Ich entwickelte einen Leitfaden, jedoch habe ich nicht der Reihe nach die Fragen abgearbeitet, sondern aus Interesse gefragt und frei erzählen lassen. Zum Schluss stellte ich die Fragen, die mir noch fehlten und die ich als wichtig empfand. Dies fand ich als passend und habe es als eine schöne und angenehme Atmosphäre empfunden. Ich lernte viel daraus und ich entdeckte eine neue, sehr interessante Einrichtung für mich.
Die Vorstellung dieser Einrichtung, vor meiner Klasse, stellte für mich eine Win – Win Situation dar. Ich stelle eine neue Einrichtung vor, in der ich noch nicht gearbeitet habe und die auch nicht sehr verbreitet ist und gleichzeitig lerne ich die Einrichtung selbst kennen und weiß dann, ob ich mir vorstellen könnte dort zu arbeiten.
Für mich war das alles sehr aufregend, da ich noch nie ein Interview führte und auch noch nie eins erstellte. Ich wusste nicht worauf ich achten muss, wie viele Fragen es ungefähr sein sollten und wie ich überhaupt anfangen sollte. Aber zwei Dinge wusste ich ganz genau: Ich freute mich riesig auf die Möglichkeit, eine so tolle Einrichtung kennenzulernen und was ich von den beiden wissen wollte, wusste ich sowieso, da es mich sehr interessierte. Ich dachte mir: „Okay! Ich habe mich vorbereitet. Ich weiß was ich will und somit kann nichts mehr schief gehen!“
Und ich kann euch sagen, es ist auch nichts schief gegangen! Von Susanne und Gisela erhielt ich anschließend die Rückmeldung, dass ich es sehr gut gemacht habe und ich stolz auf mein erstes Interview sein kann.
Ich habe durch das Interview und dadurch, dass ich ein wirklich schönes und langes Gespräch mit Susanne und Gisela hatte, sehr viel über die Einrichtung herausfinden können. Ich stehe gerade vor einer großen Entscheidung, wie es im September weiter geht und somit konnte ich mich informieren. Ich konnte durch das Interview viel mehr erfahren, als wenn ich mich nur im Internet erkundigte.
Auch die Vorstellung in der Klasse war sehr angenehm, ich bekam positive Rückmeldung meiner Mitschüler und meiner PMG – Lehrkräfte. Diese Erfahrung, es durchführen zu können, das tolle Gespräch mit Susanne und Gisela und die Erinnerungen daran, werde ich so schnell nicht vergessen.
Wenn ihr mehr über mein Interview wissen wollt, dann findet ihr hier meinen Fragebogen und die Antworten von Susanne und Gisela.

Schlusswort

Anfang März bekam ich von Susanne eine E–Mail, ob ich mir vorstellen könnte, einen Beitrag, über mich und über das Interview, auf dem Aqua Kita Blog zu veröffentlichen. Ich war im ersten Moment überfordert, doch nach und nach war ich einfach überwältigt und mir ist gekommen: „Wow! Ist das eine große Anerkennung!“ Ich stimmte dieser großen Herausforderung zu.
Ich freue mich sehr, dass ich von Susanne und dem Team der Aqua Kita, die Möglichkeit bekomme, mit meiner Geschichte und dem Interview, ein Teil des Aqua – Kita Blogs zu werden! Ich habe hiermit die Chance bekommen, über eine sehr tolle Variante der Erzieherausbildung zu informieren, eine Schule zu erwähnen, deren Schulleitung und Lehrkräfte eine sehr gute Arbeit leisten und gleichzeitig über meine Erfahrungen in meinen jungen Jahren und über die Erfahrungen mit dem Experteninterview zu berichten!

Ein besonderes Dankeschön geht hiermit natürlich an Susanne und Gisela! Ihr habt mir in meinem letzten, besonderen Ausbildungsjahr, geholfen, viele weitere Erfahrungen machen zu können!

In diesem Sinne – vielen Dank! Julia

Was hat sich alles geändert?

Seit dem Interview ist nun schon ein Jahr vergangen und in dieser Zeit hat sich einiges geändert, sowohl für mich als auch in der Ausbildung.
Die Ausbildung „OptiPrax“ gibt es so in Bayern nun unter dem Namen „Pia“. Auch in den anderen Ausbildungswegen zum Erzieher hat sich seit meinem Ausbildungsstart 2018 einiges geändert. Wenn es euch interessiert, könnt ihr gerne die folgende Internetseite besuchen und euch informieren: Ausbildung im Erzieherberuf

Nun zu mir: Schon kurz nach dem Interview Anfang 2021, wurde ich gefragt, ob ich mir vorstellen könnte, in der Aqua – Kita im September als Erzieherin zu beginnen. Darüber freute ich mich natürlich riesig und unterschrieb somit ein paar Wochen später den Vertrag. Nun hieß es für mich nur noch: Abschlussprüfungen schreiben, die letzten Monate in meiner tollen Einrichtung genießen und im September, nachdem ich die Erzieherausbildung abschloss, in der Aqua – Kita mit viel Aufregung und Neugier zu beginnen.

Und nun bin ich hier. Eine glückliche Erzieherin und Teil des Krippenteams in der Aqua – Kita in Mögeldorf.
Eure Julia

Weshalb wir auf das Loben in der Kita weitestgehend verzichten

Ohne Lob durch den Kita Alltag – warum?

Manche Eltern mögen es, ihre Kinder zu ermutigen, ihnen Komplimente zu machen, ihnen Versprechen zu geben, wenn sie dieses oder jenes tun und sie zu loben. Sehr viele Erwachsene gehen davon aus, dass vor allem das Loben einem Kind gut tut. Aus unserer Sicht und aufgrund unserer Erfahrungen im Alltag mit Kindern betrachten wir das als Irrtum!

Loben kann schlicht und ergreifend abhängig machen und die Bedingungslosigkeit unserer Liebe für andere Menschen einschränken. Deshalb sollten wir lieber ermutigen, wertschätzen und unser gegenüber wahrnehmen.

Normalerweise gehen die Menschen davon aus, dass häufiges Loben für gute Leistungen oder für erfüllte Erwartungen, das Selbstvertrauen eines Menschen steigert und motiviert.

Erfolg und gute Leistungen oder ausgezeichnete Zensuren, sind jedoch nicht das Wichtigste. Wirklich bedeutend ist es stattdessen, sich selbst als besonders zu fühlen, so wie man ist, so wie man etwas geschafft hat. Wenn Ihr Euren Kindern beispielsweise ein Lob für eine bestimmte Handlung aussprecht, besteht der entscheidende Unterschied darin, ob Euer Kind nun das Gefühl bekommt, dass Ihr es liebt, für das was es tut, oder dafür wie es ist.

Zurecht wird jetzt die eine oder der andere von Euch sagen: “Moment, ich liebe mein Kind natürlich für das wie es ist.„ Das möchten wir auch gar nicht anzweifeln.

Ihr könnt ja gerne mal den Versuch wagen, Euer eigenes Verhalten Eurem Kind gegenüber zu beobachten. Vielleicht stellt Ihr dann auch fest, dass diese selbstverständliche bedingungslose Liebe, für Eure Kinder allerdings nicht immer eindeutig zu identifizieren ist. Auch wenn Ihr als Eltern von dieser Liebe wisst, werden Eure Kinder mit dieser Tatsache nicht geboren und brauchen daher immer wieder eine Art Rückversicherung.

Jetzt fragt Ihr Euch vielleicht: „Wie kann ich meinem Kind denn diese Gewissheit geben?“

Dafür braucht es drei wichtige Komponenten. Schenkt ihnen Eure liebevolle Zuwendung, berührt sie zärtlich und schenkt ihnen achtsame Worte.

Viele Erwachsene neigen stärker dazu, sich einem Kind besonders dann zuzuwenden, wenn beispielsweise ein neuer Entwicklungsschritt passierte und dann mit Worten wie: „Super, ganz toll, Du hast Pipi gemacht“, „ja ganz prima, fein gemacht, Du bist Laufrad gefahren.“ oder wenn außergewöhnliche Leistungen erbracht wurden: „Ganz stark, heute hast Du die anderen stehen lassen, Du warst 3 Sekunden schneller als beim letzten Sprint, da gibt’s heute ‘ne Sportlerlimo“ „In Mathe eine zwei? Wahnsinn, absolute Klasse, da erhöhen wir doch gleich mal dein Taschengeld für diesen Monat.“ Oder wenn sich Kinder unserer gesellschaftlichen Erwartungen entsprechend verhalten: „Ja prima, sehr schön gewunken.“ „Sag mal danke, super gemacht, ach bist Du süß!“ „Du bist so lieb, eine ganz brave warst Du heute.“

Gerade bei solchen Äußerungen, fühlen sich Kinder besonders gesehen und wahrgenommen. Sie bekommen eine hervorgehobene, besondere Anerkennung. Jedoch geht jedem Lob eine Handlung voraus und das kann im Laufe der Zeit dazu führen, dass Eure Kinder das Gefühl entwickeln, dass die elterliche Liebe nicht wirklich bedingungslos ist, sondern vielmehr der Eindruck entsteht, dass sie immer erst etwas besonders gut machen müssen oder hervorstechen müssen, um deutlich spürbare und wahrnehmbare Zuwendung von Euch zu bekommen. Dies führt dazu, dass im Unterbewusstsein eine Verknüpfung entsteht. „Wenn ich mich also so und so verhalte, wenn ich das sage oder mache, so wie es sich die Mama oder der Papa scheinbar wünschen, dann bekomme ich uneingeschränkte Aufmerksamkeit und positive Zuneigung.

Eure Kinder lernen dadurch, dass sie sich Zuneigung erst verdienen müssen und sie daher immer an eine Bedingung geknüpft ist. Noch mehr verstärkt wird dieser Lerneffekt, wenn die Zuneigung und die Aufmerksamkeit durch unerwünschtes Verhalten oder unerfüllte Ansprüche bewusst entzogen wurde. Macht ein Kind also beispielsweise in die Hose, was vorher häufiger am Stück mit dem Gang zur Toilette klappte und hochgelobt wurde, ist die elterliche Reaktion in der Regel nicht positiv oder verständnisvoll. Und schon gar nicht liebevoll. Was der Grund dafür war, weshalb es heute einmal nicht geklappt hat, wird selten hinterfragt. Ein Kind stellt ganz schnell eine Verbindung her.

Nämlich: „Durch erwünschtes Verhalten bekomme ich Lob, Freude, Aufmerksamkeit, Zuneigung, Belohnungen, Versprechungen. Durch unerwünschtes Verhalten werde ich bestraft, ich werde ignoriert, ich werde abgelehnt und werde getadelt.

Eine Beispielsituation bei der Bewertungen außen vor bleiben

Statt den Toilettengang als etwas gelungenes zu bewerten und das Geschäft welches in die Hose ging, als etwas schlechtes, wäre es Eurem Kind gegenüber wertschätzender, wenn Ihr beides annehmt, ohne eine Bewertung dabei mit einfließen zu lassen.

Ihr könntet bei der Begleitung des Toilettengangs auf die Signale oder Äußerungen Eures Kindes eingehen. In der Krippe äußerte ein Kind z.B. als es auf der Toilette saß: “Ich Kakka machen.” Dabei färbt sich sein Gesicht vor lauter Anstrengung rötlich und sein Blick wirkt angestrengt. Statt einem “ja prima” könntet ihr z.B. sagen: “Du scheinst gerade zu drücken, kann das sein? Dein Kopf färbt sich ganz rot und Du guckst recht angestrengt.“ Ihr begleitet dadurch verbal, was Ihr in diesem Moment wahrnehmt, jedoch ohne eine Bewertung einfließen zu lassen.

Jetzt stellt Euch noch eine andere Situation vor – Euer Kind kommt im gespreizten Gang auf Euch zu und äußert: ”Pipi Hose Papa.” “Nass”
Wenn das Geschäft wie im oben genannten Beispiel dann in der Hose, statt in der Toilette verrichtet wird, wäre es wunderbar, wenn Ihr Eure Gesichtsmuskeln unter Kontrolle bringt 🙂 Damit meinen wir z.B. kein Hochziehen Eurer Augenbrauen, das Zusammenpressen Eurer Lippen oder jegliche verbale Kommentare die in die Richtung “Na das ist aber nicht so schön” gehen.
Denn Fakt ist, das Euer Kind Euch damit nichts Böses möchte. Es will Euch damit nicht ärgern. Es ist schlichtweg ein Prozess, der Zeit benötigt.
Eine zuwendende Haltung nehmt Ihr in dem Moment ein, wenn Ihr Euch auf Augenhöhe Eures Kindes begebt und sagt: “Danke, dass Du zu mir gekommen bist und mir das gesagt hast. Was hältst Du davon, wenn wir zusammen ins Bad gehen. Ich kann Dir Deine nasse Kleidung ausziehen und dann schauen wir beide mal in Deinem Schrank, was Du frisches anziehen möchtest, hm?”

Leider ist es tatsächlich möglich das Verhalten eines Kindes zu lenken und zu beeinflussen. Kinder begreifen sehr schnell. Experten nennen ein solches Verhalten auch „Lernen durch Verstärkung“ und es ist eine Form der Konditionierung. Man könnte es auch Manipulation nennen.

Ein Lob zu bekommen, fühlt sich sicherlich mal gut an, Glückshormone wie Dopamin und Oxytocin werden ausgeschüttet und sorgen für Entspannung, Glücksgefühle und Lebensfreude. Allerdings darf man nicht vergessen, dass sie auch süchtig machen und somit sollte man das Lob wohlwollend dosieren und ehrlich statt manipulierend loben. Wie wertvoll ist ein Lob noch, wenn jemand davon 20-30 Stück am Tag bekommt? Wieviel Freude würde jemand dabei noch empfinden?

Und jetzt überlegt mal, wie viele Eurer Lobe wirklich reine Freude ausdrücken und wie viele Lobe mit der Absicht auf ein bestimmtes Verhalten gelenkt werden. Zählt doch mal wirklich pro Tag ganz bewusst wie oft Ihr lobt. Dazu gehören auch bereits Worte wie „super“ „toll“ „prima“ „spitze“ „klasse“ oder ein Applaudieren. Das sind auch kleine Lobe.

Wenn Ihr fertig seid mit dem Zählen, fragt Euch als nächstes, was der Hintergrund dafür gewesen ist. Wolltet Ihr Eure Freude teilen oder ein bestimmtes Verhalten verstärken?

Wenn Ihr Euch von Herzen mit Eurem Kind freut oder Stolz empfindet, dann dürft Ihr das auch zeigen. Ehrlich und authentisch. Echte Freude über neue Entwicklungsschritte und außergewöhnliche Leistungen sind absolut wichtig und berechtigt.

Beitrag von Nadja Simon